Der seltsame Abgang von Tiger Effenberg in 2003 – Fußball Gesundheit
Der seltsame Abgang von Tiger Effenberg in 2003
Mittwoch, 2. April 2003: Der Tag der Entscheidung. Der Tag des endgültigen Abschieds von „enfant terrible” Stefan Effenberg aus der Fußball-Bundesliga. Das plötzliche Ende seiner Karriere – ein dramatischer Abschied aus der Provinz, der ein Donnerbeben in der Bundesliga auslöste. Damit erfüllte der „Tiger” die an ihn selbst gestellte Anforderung. „Wenn ich einmal aufhöre, dann sollen die Leute, egal, ob sie mich mögen oder nicht, mit meinem Namen etwas verbinden können. Ich möchte nicht als Unbekannter abtreten”, wurde er am 5. Juni im Jahre 1991 zitiert. Und damit sollte er gut zwölf Jahre später Recht behalten.


Der Abschluß einer ungewöhnlichen Karriere: Stefan Effenberg präsentiert sein Buch.

„Ich habe über diesen Schritt lange nachgedacht und lange mit meiner Lebenspartnerin Claudia Strunz gesprochen. Das ist die einzige ehrliche Lösung”, verkündete Effenberg. Sein Gastspiel beim VfL Wolfsburg war von einem auf den anderen Tag beendet. Der Ausflug in die Fußball-Provinz hatte gerade einmal siebeneinhalb Monate gedauert. Doch der wahre Grund, zumindest für den „Tiger”, war Wolfsburgs neuer Cheftrainer Jürgen Röber. „Es gab unüberbrückbare Differenzen mit dem Trainer. Es tut mir leid für die Mannschaft, die Fans und besonders für Manager Peter Pander. Denn hier in Wolfsburg ist noch viel möglich. Es ist ein ausgezeichnet geführter Verein. Aber mit Röber ging es einfach nicht mehr.“

Nach 370 Spielen für Bayern, Mönchengladbach und eben Wolfsburg, nach 35 A-Länderspielen, drei Deutschen Meisterschaften, zwei DFB-Pokalsiegen, dem Gewinn der Champions League 2001 und vor allem vielen Skandalen machte sich Effenberg auf den Weg in sein neues Leben. Dabei sah es an diesem Mittwoch-Nachmittag noch überhaupt nicht nach Trennung aus. „Effe” laborierte an einem Muskelfaserriß in der Wade, konnte unter Jürgen Röber, der Wolfgang Wolf abgelöst hatte, bis dato noch kein einziges Mal spielen. Der „Tiger” trainierte mit seinen ahnungslosen Kollegen. Nur wenig später griff er zum Telefon, teilte Manager Peter Pander, der in Argentinien auf Spielersuche war, seinen drin-genden Wunsch nach einer sofortigen Vertragsauflösung mit. Pander war zuerst sprachlos, entsprach aber dann dem Wunsch von Effenberg. Schließlich war es der Wolfsburger Manager, der in einer Geheimaktion den „Tiger” in die Fußball-Provinz gelotst hatte.

Pander: „Stefan wirkte bei dem Gespräch sehr entschlossen. Wir akzeptieren seine Entscheidung, weil es wenig Sinn macht, jemanden mit Gewalt umzustimmen.” Wie ein Blitz aus heiterem Himmel traf die Entscheidung auch Aufsichtsratschef Lothar Sander, der sich auf einer China-Reise befand.

Cheftrainer Jürgen Röber, in den Augen von Effenberg der einzige Grund für seine abruptes Karriere-Ende, erfuhr von der Entscheidung von einem Journalisten am Telefon. Zusammen mit Co-Trainer Bernd Storck sah sich Röber am Abend das Spiel der VfL-Amateure (Oberliga) in Emden an. „Ich dachte zuerst an einen Aprilscherz. Für mich ist das Ganze immer noch unerklärlich”, reagierte Röber überrascht. Vor allem, als er von den Äußerungen des „Tigers” hörte. „Es gab keine Differenzen, schon gar keine unüberbrückbaren. Wir haben auch keine Diskussionen miteinander gehabt. Ich habe immer wieder öffentlich erklärt, dass Stefan uns helfen kann – wenn er denn fit ist. Das habe ich ihm auch unter vier Augen gesagt”, verteidigte sich Röber.

Vielleicht ist der ehrgeizige Trainer mit seinem Star so hart und ehrlich wie kein Zweiter zuvor ins Gericht gegangen. Für Effenberg galt gleiches Recht und Anspruch wie für alle anderen auch. Das machte ihm Röber von Beginn seiner Amtszeit an mehrmals klar. „Effenberg muss sich unterordnen. Es ist nicht mehr so, dass beim VfL alle pro Effenberg sind, nur weil der etwas Farbe hier reingebracht hat.” Zumindest in diesem Punkt konnte auch Röber dem „Tiger” nicht wiedersprechen. „Effe” fuhr mit dem Ferrari durch die VW-Stadt, umzäunte sein Anwesen vor den Toren Wolfsburgs mit einem meterhohen Zaun, um sich vor unliebsamen Besuchern zu schützen. Sein Domizil war zum Wallfahrtsort verkommen.

Nur eines konnte er wohl nicht mehr vertragen: Kritik an seiner Person. Vor allem nicht den Vorwurf der mangelnden Fitneß. „Der Höhepunkt war, dass ich mich auf die Waage stellen musste – Ergebnis 90 Kilo. Mit dem Gewicht habe ich mit Bayern die Champions League gewonnen.” Für Röber und seinen Assistenten Bernd Storck wohl dennoch zuviel. Dem füllig wirkenden Kapitän wurde nahegelegt, binnen acht Tagen zwei Kilo abzunehmen. Zudem scheuchte ihn Storck nach dem Mannschaftstraining extra noch durch einen Hütchen-parcour. Zuviel des Guten für den „Tiger”, der dies als Majestätsbeleidigung ansah. So durfte nur einer über ihn spotten – sein Ex-Chef Franz Beckenbauer, der Effenberg einmal als „Blasengel” titulierte. Die Zahlen sprachen gegen Effenberg. 19 Spiele, drei Tore und vier Vorlagen. Zuwenig für einen selbst aus-erkorenen Leitwolf.

Tatsächlich dürfte der „Tiger” aber mit seiner fristlosen Kündigung, die ihn fast 500 000 Euro gekostet hat, womöglich einem noch unangenehmeren Ausklang zuvorgekommen sein. Längst zeichnete sich ab, dass es beim VfL keine Mehrheit für eine Vertragsverlängerung gab. Sicherlich brachte der Name Effenberg der VW-Stadt neuen Glanz. Aber die Inszenierungen des „Tigers” waren wohl auch nicht immer im Sinne der um ein sauberes Image bemühten Herren vom VfL-Gesellschafter VW.

Über seinen Abgang diskutierte in den Folgetagen dann auch die Bundesliga Prognosen angeregt. „Ich ziehe den Hut vor Effe. So radikal-konsequent wie er hätten nicht viele gehandelt”, meinte Schalke- Manager Rudi Assauer. Sein Ex-Trainer Ottmar Hitzfeld wollte zu diesem Zeitpunkt von einem Karriere-Ende nichts wissen. „Ich habe mit Stefan telefoniert. Er hat mir versichert, dass es nur das Ende in Wolfsburg ist, nicht aber für seine Karriere.” Und damit sollte der General auch Recht behalten.

Nach dem Knall-Abschied wurde sogar über einen Transfer nach Hamburg, seiner Geburtsstadt, spekuliert. Doch dieser zerschlug sich ebenso wie die Angebote aus Österreich und der Schweiz. Mittlerweile spielt Effenberg mit seinem ehemaligen Kumpel aus erfolgreichen Bayern-Zeiten, Mario Basler, im Wüstenstaat Katar.

In Deutschland blieb er trotz seines fußballerischen Nicht-Daseins ein Dauerthema. Nur wenige Wochen nach seinem Abschied aus Wolfsburg sorgte „Effe” für den nächsten Knall-Effekt. Er brachte sein Buch „Ich hab’s allen gezeigt” auf den Markt. Wortgewaltig zog er vom Leder. Vor allem sein Intimfeind Lothar Matthäus kam nicht ungeschoren davon. Für Jürgen Röber war hingegen kein Kapitel reserviert. Typisch für Effenberg – sein Kommentar dazu: „Dazu war und ist er einfach zu unwichtig.”

Wichtiger für „Effe” ist seit längerem schon sein neues Privatleben. Nach der Trennung von Gattin Martina heißt die neue Frau an seiner Seite Claudia Strunz. Die Ex-Ehefrau von seinem ehemaligen Freund aus Bayern-Zeiten Thomas Strunz.


Ungewohntes Bild: Effenberg im Wolfsburg-Trikot, hier gegen Herthas Dardei

Bildquelle: www.123Sportwetten.eu